Morbus Waldenström ist eine Krebserkrankung des lymphatischen Systems und zählt zur Gruppe der Lymphome. Man bezeichnet diese Erkrankung auch als Waldenström-Makroglobulinämie; früher war der Begriff Immunozytom gebräuchlich. Beim Morbus Waldenström vermehren sich bösartig veränderte B-Lymphozyten – eine Untergruppe der weißen Blutzellen, die normalerweise für die Immunabwehr zuständig ist – im Knochenmark, in den Lymphknoten oder in der Milz.

Ein besonderes Merkmal des Morbus Waldenström ist, dass diese veränderten Zellen unkontrolliert fehlerhafte Antikörper (Immunglobuline) bilden. Antikörper dienen dem Immunsystem normalerweise dazu, Krankheitserreger zu bekämpfen. Die bei dieser Erkrankung gebildeten Antikörper sind jedoch in ihrer Funktion gestört: Sie wehren keine Bakterien oder Viren ab, sondern lösen bei einem Teil der Betroffenen selbst Krankheitszeichen (Symptome) aus.

Typischerweise entwickelt sich ein Morbus Waldenström über Jahre hinweg schleichend, weshalb die Diagnose oft zufällig im Rahmen einer Routineuntersuchung gestellt wird. Wegen dieses langsamen, gleichmäßigen Wachstums zählt man ihn zu den indolenten, also langsam wachsenden Lymphomen. Diese Unterscheidung ist wichtig, da Indolente Lymphome anders behandelt werden als aggressive Lymphome.

Häufigkeit & Ursache

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Häufigkeit

Der Morbus Waldenström ist eine seltene Erkrankung. In Deutschland beträgt nach jüngsten Berechnungen die jährliche alters – und geschlechtsstandardisierte Inzidenz 2021 1,9 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner, so dass rechnerisch etwa 1580 Patienten neu am Morbus Waldenström pro Jahr erkranken. Die errechnete Prävalenz beträgt. Die jährliche alters – und geschlechtsstandardisierte Prävalenz betrug im selben Jahr 2021 12,6 pro 100.000 Einwohner, so dass in Deutschland ca. 10.000 an einem Morbus Waldenström leiden. 

Wer erkrankt?

Der Morbus Waldenström tritt mit fortschreitendem Alter häufiger auf. Betroffene, bei denen diese Erkrankung erst­mals diagnostiziert wird, sind im Mittel um die 65 Jahre alt. Männer sind häufiger betroffen als Frauen, ebenso wird die Erkrankung bei hellhäutigen Menschen öfter festgestellt.

Ursachen

Ein Morbus Waldenström entsteht, wenn sich die genetische Information eines einzelnen B-Lymphozyten im Laufe des Lebens durch eine erworbene, zufällige Mutation verändert. Auffällig ist, dass die Lymphomzellen fast aller Patient:innen mit Morbus Waldenström eine Veränderung am Gen MYD88 aufweisen. Dieses Gen ist an der Steuerung des Lymphozytenwachstums beteiligt. Diese Mutation verschafft der betroffenen Zelle vermutlich einen Überlebensvorteil: Statt nach einer vorgesehenen Zeit abzusterben, teilt sie sich immer weiter und gibt den „Fehler" an zahlreiche Tochterzellen weiter. Anders als gesunde B-Lymphozyten sind diese Tumorzellen jedoch nicht mehr in der Lage, das Immunsystem sinnvoll zu unterstützen. Indem sie sich im Knochenmark und in den lymphatischen Organen ansammeln und funktionslose Antikörper bilden, stören sie nach und nach den Organismus und beeinträchtigen die normale Blutbildung. Bei bis zu 40 Prozent der Patient:innen liegt zusätzlich eine Veränderung am CXCR4-Gen vor. Diese Mutation tritt praktisch immer gemeinsam mit der MYD88-Mutation auf. Sie ist klinisch bedeutsam, da Patient:innen mit einer CXCR4-Mutation häufig verzögert und etwas schlechter auf das Medikament Ibrutinib Ansprechen.

Die genauen Ursachen der Erkrankung sind nicht bekannt. Auch wenn die Tumorzellen des Morbus Waldenström Veränderungen an den Genen zeigen, weiß man jedoch nicht, wodurch es zu diesen genetischen Veränderungen kommt. In bis zu 20 Prozent der Fälle haben Patient:innen mit einem Morbus Waldenström einen Verwandten ersten Grades, der ebenfalls an einem Lymphom erkrankt ist. Ob Umgebungsfaktoren das Erkrankungsrisiko erhöhen können, ist bislang unklar.

Symptome

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Die Symptome des Morbus Waldenström lassen sich in zwei Gruppen einteilen: solche, die durch das Lymphom selbst verursacht werden, und solche, die durch die „falschen" Antikörper entstehen.

Symptome durch das Lymphom: Bei 70 Prozent der Betroffenen sind Müdigkeit und Leistungsschwäche die häufigsten Krankheitszeichen. Sie entstehen, weil die Lymphomzellen die normale Blutbildung im Knochenmark unterdrücken, wodurch insbesondere die roten Blutzellen (Erythrozyten) verdrängt werden können. Ein Mangel an weißen Blutzellen (Leukozyten) führt bei rund 30 Prozent der Patient:innen zu häufigeren Infekten. Seltener – bei etwa 10 Prozent – kommt es durch einen Mangel an Blutplättchen (Thrombozyten) zu einer erhöhten Blutungsneigung mit Blutergüssen und kleinen, flohstichartigen Hauteinblutungen.

Einige Patient:innen entwickeln sogenannte B-Symptome:

  • Fieber über 38,5 °C ohne erkennbare Ursache
  • ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 10 Prozent des Körpergewichts innerhalb von sechs Monaten
  • nächtliches Schwitzen, typischerweise zwischen zwei und fünf Uhr morgens

Ein Teil der Betroffenen bemerkt zudem schmerzlose Vergrößerungen von Lymphknoten, Leber oder Milz.

Symptome durch die „falschen" Antikörper: Wie bereits erwähnt, ist die Produktion funktionsgestörter Antikörper ein Kennzeichen des Morbus Waldenström. Werden davon große Mengen gebildet, kann sich das Blut verdicken – man spricht dann vom sogenannten Hyperviskositätssyndrom. Typische Anzeichen dafür sind Schwindel, Kopfschmerzen sowie Seh- oder Hörstörungen. Darüber hinaus können sich die „falschen" Antikörper gegen körpereigene Nerven richten und Nervenschmerzen auslösen, oder körpereigene Gerinnungsfaktoren blockieren und dadurch die Blutungsneigung zusätzlich verstärken.

Diagnose

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Für die Diagnose eines Morbus Waldenström sind zwei Befunde zwingend erforderlich. 

Erstens muss im Knochenmark das Vorliegen eines sogenannten lymphoplasmozytischen Lymphoms nachgewiesen werden, zweitens müssen im Blut die durch das Lymphom produzierten „falschen“ Antikörper vom Typ „monoklonales Immunglobulin M (= IgM)“ feststellbar sein. Deshalb sind zunächst folgende diagnostische Tests notwendig: Den Patient:innen wird mittels einer Knochenstanze etwas Knochenmark entnommen, das dann im Rahmen einer pathologischen Untersuchung auf das Vorliegen des Lymphoms überprüft wird. Die Entnahme erfolgt unter Betäubung in der Regel am Beckenkamm. Zusätzlich zur Erhebung der Krankengeschichte (= Anamnese) und einer körperlichen Untersuchung wird den Patient:innen Blut abgenommen, um Veränderungen im Blutbild feststellen und monoklonale IgM nachweisen zu können. 

Ferner sollte bei vergrößerten Lymphknoten auch eine Untersuchung des Lymphknotengewebes durch auf Lymphome spezialisierte Fachärzt:innen für Pathologie erfolgen. Hierfür sollte nach Möglichkeit ein vollständiger Lymphknoten operativ entfernt werden. Ist dieser nur schwer zugänglich, können alternativ auch größere Gewebeproben mittels einer Stanzbiopsie entnommen werden. Proben, die mit einer Feinnadel gewonnen werden, sind für eine genaue Diagnostik nicht ausreichend. Sobald alle Informationen vorliegen, kann das ärztliche Behandlungsteam gemeinsam mit den Patient:innen beraten, ob und welche Art von Therapie sinnvoll erscheint. 

In diesem Zusammenhang sollte auch festgestellt werden, ob das Gen MYD88 mutiert ist, da Patient:innen mit nicht mutiertem MYD88-Gen schlechter auf eine alleinige Ibrutinib-Therapie Ansprechen.

Histologie

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Die zugrundeliegende Histologie des Morbus Waldenström ist das sogenannte lymphoplasmozytische Lymphom im Knochenmark. Dieser Lymphomtyp zeichnet sich dadurch aus, dass er neben den typischen B-Lymphozyten auch Plasmazellen aufweist, besonders reife B-Lymphozyten, die für die Antikörperproduktion zuständig sind. Diese entarteten Plasmazellen sind auch für die Produktion des IgM zuständig, das sich im Blut der Patienten mit Morbus Waldenström nachweisen lässt und zusammen mit dem Vorliegen des genannten Lymphoms die Erkrankung Morbus Waldenström definiert.

Stadien & Risikofaktoren

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Stadien

Anders als bei den meisten anderen Lymphomen erfolgt die Stadieneinteilung nicht nach der Ann-Arbor-Klassifikation, da der Morbus Waldenström immer auch im Knochenmark zu finden ist und damit bei allen Patienten ein fortgeschrittenes Stadium vorliegt. Anhand einiger einfach zu erhebender Risikofaktoren wird versucht, den wahrscheinlichen Krankheitsverlauf (= Prognose) abzuschätzen.

Risikofaktoren sind:

  • Alter über 65 Jahre
    • Hämoglobinwert (= Hb) unter 11 g/dl
    • Thrombozyten (= Blutplättchen) unter 100 g/l
    • Beta-2-Mikroglobulin (=ß2-Mikroglobulin) über 3 mg/l
    • IgM Antikörper über 70 g/l

Abhängig davon, ob und wie viele dieser Faktoren zutreffen, unterscheidet man drei Risikogruppen:

  • Gruppe mit niedrigem Risiko: 0-1 Faktoren (außer Alter) treffen zu
    • Gruppe mit mittlerem/intermediärem Risiko: Alter oder 2 Faktoren treffen zu
    • Gruppe mit hohem Risiko: 3-5 Faktoren treffen zu

Das Risikoprofil der Patient:innen hat keinen Einfluss auf die Festlegung ihrer Behandlung. Wie die Erkrankung tatsächlich verläuft, hängt von vielen weiteren Faktoren ab und kann bei jedem Betroffenen anders aussehen. In einigen Fällen können die Erkrankten bei hoher Lebensqualität ohne Therapie viele Jahre asymptomatisch sein, obwohl die Erkrankung unbehandelt langsam schleichend voranschreitet. Ziel der Therapie ist es, die Erkrankung möglichst lange zurückzudrängen und die Lebensqualität der Patient:innen zu erhalten.

Therapie

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Ob eine Therapie notwendig ist und wann man damit beginnt, hängt davon ab, ob bei der Erstdiagnose Krankheitszeichen vorliegen oder nicht. Bei Patient:innen, die keine Krankheitssymptome zeigen (= asymptomatischer Verlauf), ist oftmals keine Therapie notwendig. Diese Patient:innen sollten allerdings durch regelmäßige Kontrolluntersuchungen unter engmaschiger und aktiver Beobachtung (= active surveillance“) bleiben, damit gegebenenfalls rechtzeitig eine Therapie eingeleitet werden kann. Zeigen Patient:innen Beschwerden (z.B. Leistungsschwäche oder häufigere Infekte) oder treten diese nach und nach auf (z.B. Veränderung des Blutbildes, Blutarmut etc.), sollte eine Therapie eingeleitet werden. Außerhalb von klinischen Studien erhalten therapiebedürftige Patient:innen als Ersttherapie in der Regel eine Immunchemotherapie. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus einer Chemotherapie und dem monoklonalen Antikörper Rituximab. monoklonale Antikörper erkennen bestimmte Oberflächenmerkmale auf den Lymphomzellen, heften sich an diese und wirken dadurch zellzerstörend. Eine übliche Immunchemotherapie ist zum Beispiel die Kombination aus Rituximab und Bendamustin (R-Benda) oder eine Kombination aus Dexamethason, Cyclophosphamid und Rituximab (DRC). Falls ein rasches Ansprechen erforderlich erscheint, kann das DRC-Schema auch mit Bortezomib kombiniert werden, vorausgesetzt, durch den Morbus Waldenström wurden noch keine peripheren Nerven geschädigt.

Patient:innen, die nicht für eine Chemotherapie geeignet sind, können mit den BTK-Inhibitoren Ibrutinib oder Zanubrutinib behandelt werden. Beide Medikamente sind als Einzelsubstanzen zugelassen und hemmen ein Wachstumssignal in den Waldenström-Zellen. Bei Vorliegen einer CXCR4-Mutation sind sowohl Zanubrutinib als auch Ibrutinib jeweils in Kombination mit Rituximab wirksam. Die Kombination aus Ibrutinib und Rituximab ist dabei nicht auf Patient:innen mit CXCR4-Mutation beschränkt, sondern für alle Patient:innen mit Morbus Waldenström zugelassen. Auch Rituximab in Kombination mit dem Proteasominhibitor Bortezomib ist wirksam. Dieser Wirkstoff hemmt den Eiweißabbau in den Lymphomzellen und stört damit ihr Überleben.

Betroffene, die nach einer Erstlinienbehandlung einen Rückfall erleiden (= Rezidiv), können erneut mit der zuvor gewählten Therapie behandelt werden, sofern der Rückfall erst nach längerer Zeit auftritt, z.B. nach mehr als zwei oder drei Jahren. In den meisten Fällen wird jedoch eine Behandlung bevorzugt, die einen anderen Wirkmechanismus hat als die initiale Therapie. So erhalten beispielsweise Patient:innen, die initial eine Immunchemotherapie mit Rituximab erhalten hatten, in der Zweitlinie bevorzugt Zanubrutinib oder Ibrutinib mit oder ohne Rituximab. Ebenso würde man nach initialer Therapie mit Zanubrutinib oder Ibrutinib beim Rückfall eine Immunchemotherapie mit Rituximab wählen. Falls die Kombination aus Bortezomib und Rituximab zuvor noch nicht verwendet wurde, ist auch diese Therapie im Rezidiv eine Option.

Bei jüngeren, fitten Patient:innen mit einem sehr raschen Rückfall nach einer Immunchemotherapie und/oder einer Zanubrutinib- bzw. Ibrutinib-Therapie ist die Hochdosis-Chemotherapie mit Sammlung und Rückgabe eigener Stammzellen (= autologe Stammzelltransplantation) ein weiteres Verfahren, um die Krankheit zurückzudrängen. Eine allogene Transplantation, bei der den Erkrankten Stammzellen von gesunden Fremd- oder Familienspendern übertragen werden, sollte nur in Ausnahmefällen, z.B. bei jüngeren Patient:innen mit klinisch-aggressivem Verlauf nach einer Therapie mit Ibrutinib oder Zanubrutinib, in Betracht gezogen werden, da die Behandlung hohe Risiken und Nebenwirkungen aufweist.

Welches der möglichen Therapieschemata angewendet wird, hängt unter anderem von möglichen Begleiterkrankungen, dem Alter und dem körperlichen Allgemeinzustand der Betroffenen ab und muss in jedem Fall individuell entschieden werden. Leiden Patient:innen aufgrund der vielen „falschen“ Antikörper im Blut unter den Folgen einer Hyperviskosität (= Blutverdickung), wird in der Regel vor der Einleitung einer Immunchemotherapie eine Plasmapherese durchgeführt. Bei diesem Verfahren wird der flüssige Bestandteil des Blutes (= Blutplasma) mit Hilfe eines Plasmapherese-Gerätes ausgetauscht, wodurch der hohe Antikörperspiegel im Blut schnell gesenkt wird und bedrohliche Symptome rasch beseitigt werden.

Aufgrund der Seltenheit des Morbus Waldenström sollten Patient:innen, wann immer möglich, im Rahmen klinischer Studien behandelt werden (siehe dazu auch Ausblick).

Nebenwirkungen & Spätfolgen

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Nebenwirkungen der Therapie

Chemotherapeutische Wirkstoffe, Antikörper, neuere Medikamente und Stammzelltransplantationen haben neben der erwünschten Zerstörung oder Hemmung der Tumorzellen auch Auswirkungen auf gesunde Zellen, Gewebestrukturen oder Organe. Dabei unterscheidet man zwischen den akuten Nebenwirkungen, die während oder unmittelbar nach der Behandlung auftreten, und den Spätfolgen einer Behandlung. Während sich die akuten Nebenwirkungen meist in einem überschaubaren Zeitrahmen zurückbilden oder durch geeignete Maßnahmen während der Behandlung vermieden oder reduziert werden können, treten Spätfolgen oft erst Jahre nach der Behandlung auf.

Nebenwirkungen von Chemotherapien

Akute Nebenwirkungen der Chemotherapie entstehen dadurch, dass die den Tumor angreifenden Substanzen auch gesunde Körperzellen beeinträchtigen. Betroffen sind insbesondere jene Zellen, die sich schnell teilen, wie z.B. die Schleimhäute in Mund und Darm, die Haarwurzeln und die blutbildenden Zellen des Knochenmarks. Die Stärke der Nebenwirkungen ist abhängig von der Art und Dosierung des Wirkstoffes, sie kann sich aber auch bei jedem Behandelten anders darstellen.

Übelkeit und Erbrechen, die häufig einige Stunden nach einer chemotherapeutischen Behandlung auftreten können, lassen sich durch entsprechende Zusatzmedikamente (= Antiemetika, Arzneimittel gegen Übelkeit und Erbrechen) erheblich abschwächen oder gar verhindern.

Eintretender Haarausfall bildet sich nach dem Abschluss der Therapie fast immer zurück.

Durch die Chemotherapie kommt es außerdem zu einer vorübergehenden Störung der Blutbildung, aus der sich oft eine Blutarmut (= Anämie) entwickelt. Aus der Gesamtproblematik heraus sollte das Blutbild regelmäßig während und nach einer Chemotherapie kontrolliert werden, um rechtzeitig Gegen- oder Vorsichtsmaßnahmen einleiten zu können. In manchen Fällen ist auch die Gabe von Medikamenten erforderlich, die das Wachstum von blutbildenden Zellen anregen. Diese Medikamemte werden meist als Wachstumsfaktoren bezeichnet oder kurz G-CSF für engl. Granulocyte-Colony Stimulating Factor (= dt. Granulozyten-Kolonie stimulierender Faktor). Ganz selten ist eine Bluttransfusion notwendig. Eine Erholung des Blutbildes sollte vor jedem neuen Chemotherapiezyklus eingetreten sein.

Auch die Herz- und Lungenfunktion sollten während und nach einer Chemotherapie regelmäßig überprüft werden. Ob diese durch die Chemotherapie beeinträchtigt werden, ist wiederum von den eingesetzten Medikamenten und der Gesamtdosis abhängig und kann sich bei jedem Behandelten anders darstellen. Manche Patient:innen entwickeln als langfristige Folge der Chemotherapie eine Herzschwäche.

Einzelne chemotherapeutische Wirkstoffe, insbesondere das Vincristin, können Schmerzen oder Gefühlsstörungen (Kribbeln, Pelzigkeitsgefühl) an Händen und Füßen auslösen. Diese nach und nach einsetzende Nebenwirkung wird mit dem Fachwort „Polyneuropathie“ bezeichnet. Je nach Ausmaß der Beschwerden sollte während der Therapie erwogen werden, das verursachende Medikament zu reduzieren oder ganz weg zu lassen. Meist entwickelt sich diese Gefühlsstörung dann zurück. Einige Patient:innen berichten aber auch von länger anhaltenden Polyneuropathien.


Als seltene, aber schwerwiegende Langzeitfolge nach einer Chemotherapie gilt das erhöhte Risiko, einige Jahre später Sekundärtumore zu entwickeln. Dabei handelt es sich um eine erneute Krebserkrankung, die wieder das lymphatische System betreffen kann, aber auch das Blut oder andere Organe.

Verträglichkeit der Antikörper Rituximab und Obinutuzumab

Die Antikörper Rituximab und Obinutzumab sind vergleichsweise gut verträglich, aber ebenfalls nicht frei von Nebenwirkungen. Insbesondere während der ersten Infusion kommt es bei einigen Patient:innen zu Fieber und Schüttelfrost. Manche Patient:innen berichten auch über Übelkeit, Schwäche, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Schwellungen im Mund oder Rachenraum und Hautausschlag. Diese Beschwerden beginnen und enden meist innerhalb der Zeit, in der die Infusion durchläuft und können durch Zusatzmedikamente gut behandelt werden. Ursache dieser Nebenwirkungen kann die Überempfindlichkeit gegen den aus Eiweiß bestehenden Antikörper sein. Bei Betroffenen mit einer großen Tumorlast (= viele Lymphomzellen im Körper) treten die Nebenwirkungen auch bedingt dadurch auf, dass durch den Antikörper in relativ kurzer Zeit große Mengen von Tumorzellbestandteilen im Körper freigesetzt werden. Diese Beschwerden würden dann von Behandlung zu Behandlung abnehmen, da auch die Menge der Tumorzellen kontinuierlich im Verlauf der Therapie abnimmt.

Verträglichkeit der BTK-Inhibitoren Ibrutinib und Zanabrutinib

Diese Medikamente können verschiedene Nebenwirkungen verursachen. Wie stark und welche Nebenwirkungen auftreten, ist von Wirkstoff zu Wirkstoff unterschiedlich, besonders bei Beschwerden am Herzen.

  • Veränderungen des Blutbildes Die Medikamente können die Blutzellen beeinflussen, die im Knochenmark gebildet werden: Es kann zu einem Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen kommen, was das Risiko für Infektionen erhöht. Auch die Blutplättchen, die für die Blutgerinnung wichtig sind, können abnehmen, wodurch man leichter blaue Flecken bekommt oder länger blutet. Zusätzlich kann eine Blutarmut (zu wenig rote Blutkörperchen) auftreten, die sich durch Müdigkeit, Blässe und Kurzatmigkeit bemerkbar macht.
  • Herz und Kreislauf Es kann zu Herzrhythmusstörungen kommen, also einem unregelmäßigen oder zu schnellen Herzschlag – das tritt vor allem unter Ibrutinib auf. Auch ein erhöhter Blutdruck ist möglich.
  • Erhöhte Blutungsneigung Da die Blutplättchen in ihrer Funktion gestört sein können, kann es leichter zu Blutungen kommen, zum Beispiel Nasenbluten oder blaue Flecken, auch ohne erkennbaren Anlass.
  • Magen und Darm Häufig treten Durchfall und Übelkeit auf.
  • Infektionen Weil das Immunsystem geschwächt sein kann, steigt die Anfälligkeit für Infektionen.
  • Haut Es kann zu Hautausschlägen kommen.
  • Kopfschmerzen Diese treten insbesondere unter Acalabrutinib auf.
  • Erschöpfung (Fatigue) Viele Patienten berichten über anhaltende Müdigkeit und einen Mangel an Energie, der sich auch durch Schlaf nicht bessert.

Risiken der autologen Stammzelltransplantation

Ein Vorteil der autologen Stammzelltransplantation besteht darin, dass sich die übertragenen „eigenen“ Zellen auf jeden Fall mit dem Körper vertragen. Allerdings dauert es trotzdem mehrere Wochen, bis die Blutbildung und die Produktion von Abwehrzellen durch die übertragenen Stammzellen wieder in Gang gekommen ist. Mögliche Risiken und Belastungen ergeben sich in einem Zeitraum niedriger Leukozytenwerte (meistens ca. zwei Wochen nach der vorausgehenden Hochdosistherapie. In dieser Zeit sind die behandelten Personen abwehrgeschwächt und müssen stationär überwacht werden, um schwere Infektionen zu vermeiden bzw. um unmittelbar mit Antibiotika behandelt zu werden. Nach ca. drei Wochen können die Patient:innen in der Regel entlassen werden, aber häufig dauert es noch einige Wochen, bis der Allgemeinzustand vollständig wiederhergestellt ist.

Risiken der allogenen Stammzelltransplantation?

Speziell die allogene Stammzelltransplantation ist eine risikoreiche und belastende Behandlung, die nur in hochspezialisierten Transplantationszentren mit sterilen Isolierstationen durchgeführt werden kann. Risiken und Belastungen ergeben sich einerseits aus der vorausgehenden Hochdosistherapie (= Chemotherapie und ggf. Strahlentherapie), die das Knochenmark zerstört und die Immunabwehr des Erkrankten gänzlich zum Erliegen bringt. In dieser Zeit muss alles getan werden, um eine Infektion mit Krankheitserregern zu vermeiden. Welche konkreten vorbeugenden Maßnahmen und Verhaltensregeln sinnvoll sind, wird individuell in einem Aufklärungsgespräch im Transplantationszentrum besprochen.

Bei der allogenen Transplantation besteht zusätzlich die Gefahr, dass die transplantierten Stammzellen nicht im Knochenmark „anwachsen“. Und obwohl bei der allogenen Transplantation auf eine größtmögliche Übereinstimmung bestimmter Gewebemerkmale (= HLA-Merkmale) zwischen der spendenen und der empfangenden Person geachtet wird, tritt dennoch häufiger eine Unverträglichkeit der übertragenen Spenderzellen mit den Organen und dem Gewebe des Empfängers auf. Dies kann dazu führen, dass sich die übertragenen Abwehrzellen gegen die eigenen Gewebezellen richten. Schäden an Haut, Darm und Leber, die mitunter auch lebensbedrohlich werden, können die Folge sein. Eine solche Reaktion wird als Transplantat-gegen-Wirt- Reaktion bezeichnet. Diese Immunreaktion muss dann über einen längeren Zeitraum durch Medikamente (= Immunsuppressiva) unterdrückt werden und verlängert die Zeit, in der diese Patient:innen einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind.

Nachsorge

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Da durch die oben beschriebenen Therapien in der Regel zwar eine langjährige Beseitigung der Symptome erreicht werden kann, ohne jedoch eine Heilung zu erzielen, muss in regelmäßigen Abständen geprüft werden, ob die Krankheit erneut voranschreitet. Solche Verlaufskontrollen sind in den ersten zwei Jahren ab Therapieende alle drei Monate sinnvoll. Ab dem dritten Jahr können die Abstände zwischen den Kontrolluntersuchungen auch auf sechs bis zwölf Monate ausgedehnt werden. Bei den Nachsorgeuntersuchungen wird auch geschaut, ob Langzeitnebenwirkungen (z. B. Zweittumore) erkennbar sind.

Im Mittelpunkt dieser Nachsorgeuntersuchungen stehen in der Regel:

  • Erfragen der Krankengeschichte und körperliche Untersuchung
  • Blutentnahme zur Feststellung des Blutbildes und des Differentialblutbildes (= großes Labor)
  • Feststellung der LDH- sowie der Leber- und Nierenwerte
  • Kontrolle der ursprünglichen Krankheitsherde
  • Gegebenenfalls weiterführende Untersuchungen je nach Befunden oder Beschwerden, z.B.: Ultraschall (= Sonografie) und Computertomografie (CT) bei Lymphknotenvergrößerungen im Bauch oder Magen, Dickdarmspiegelung bei Magen-/Darmbefall.

Ausblick

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Wie bei anderen indolent verlaufenden Lymphomen auch, wird durch die oben beschriebenen Therapien sehr häufig eine langjährige Beseitigung der Symptome erreicht, ohne jedoch eine Heilung erzielen zu können. In einigen Fällen können die Erkrankten bei hoher Lebensqualität ohne Therapie viele Jahre asymptomatisch sein, obwohl die Erkrankung unbehandelt langsam schleichend voranschreitet. Ziel der Therapie ist es, die Erkrankung möglichst lange zurückzudrängen und die Lebensqualität der Patient:innen zu erhalten.

Die Therapie von Patient:innen mit Morbus Waldenström sollte durch Fachärzt:innen für Hämatologie und Onkologie erfolgen. Für die stetige Verbesserung der Therapie und aufgrund der Seltenheit dieser Erkrankung ist die Behandlung möglichst vieler Patient:innen im Rahmen von klinischen Studien von großer Bedeutung. Das „Europäische Konsortium für den Morbus Waldenström“ (ECWM) möchte die klinische Versorgung von Patient:innen mit Morbus Waldenström weiter optimieren und bietet in Zusammenarbeit mit vielen Kliniken und niedergelassenen Fachärzt:innen für Hämato-Onkologie in ganz Deutschland Studien an. Das Konsortium ist Mitglied im Kompetenznetz maligne Lymphome e.V. (KML) und wird vom Universitätsklinikum Ulm koordiniert.

Europäisches Konsortium für den Morbus Waldenström (ECWM)

Leiter: Prof. Dr. med. Christian Buske 
Universitätsklinikum Ulm 
Institut für Experimentelle Tumorforschung, Innere Medizin III
Albert-Einstein-Allee 23, 89081 Ulm
T 0731 500 65-801 oder -888
Sprechzeiten: Mo-Fr von 9.00 - 16.00 Uhr
T 0731 500 65-822
info@ecwm.eu | www.ecwm.eu

Literatur

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Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) et al.: Morbus Waldenström, Stand: November 2024. Online unter: Morbus Waldenström (Lymphoplasmozytisches Lymphom) — Onkopedia

Die Fortschritte der Therapieoptimierung beim Morbus Waldenström spiegeln sich in den Publikationen wider, an denen das Europäische Konsortium für den Morbus Waldenström beteiligt ist und die über die Literaturdatenbank PubMed online recherchiert werden können: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=waldenstrom+macroglobulinemia+Buske