Lymphome

Für die Behandlung der verschiedenen Lymphomerkrankungen stehen eine Reihe von Therapieverfahren zur Verfügung. Manche Lymphome verursachen zunächst keine Beschwerden und schreiten so langsam voran, dass man sie anfangs erst einmal beobachtet. Andere Lymphomerkrankungen verlaufen dagegen schneller und beeinträchtigen den gesundheitlichen Zustand der Patienten stark, so dass zügig mit einer Therapie begonnen werden sollte. Welche der jeweiligen Behandlungsformen in Frage kommt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig und muss für jeden Patienten individuell entschieden werden. Dabei spielen neben der Lymphomart auch der klinische Verlauf der Erkrankung, besondere Risikofaktoren, Vorerkrankungen, das Alter der Patienten oder bereits erfolgte Vortherapien eine Rolle. Oft werden auch verschiedene Therapiemöglichkeiten zeitgleich oder nacheinander kombiniert.

1. Aktive Überwachung (auch: "Wait & Watch")

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In Fällen, in denen die Erkrankung nur sehr langsam fortschreitet, keine oder nur geringe Beschwerden verursacht und eine frühzeitige Therapie keine Vorteile gegenüber einem verzögerten Behandlungsbeginn bietet, besteht die Möglichkeit zunächst auf eine Therapie zu verzichten.

Es erfolgt stattdessen eine regelmäßige und engmaschige Kontrolle der Symptome, die gegebenenfalls dazu führt, dass zu einem späteren Zeitpunkt eine Behandlung durchgeführt wird. Ob die Strategie der aktiven Überwachung verfolgt wird, hängt entscheidend vom Typ des Lymphoms ab. Bei aggressiv verlaufenden Lymphomen ist in jedem Fall ein sofortiger Therapiebeginn notwendig.

2. Radiotherapie/Strahlentherapie

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Hochdosierte Röntgenstrahlen oder andere hochenergetische (ionisierende) Strahlen werden zum Abtöten der Krebszellen und zum Verkleinern der Tumore eingesetzt.

Die gesunden Zellen des Körpers können empfindlich gegenüber ionisierende Strahlung sein, daher lassen sich Nebenwirkungen manchmal nicht vermeiden. Diese Nebenwirkungen sind abhängig von der Größe und Lage der bestrahlten Körperregion. Durch die Einführung genauer, computerberechneter Strahlenfelder konnten sie jedoch erheblich reduziert werden.

3. Antikörpertherapie

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Antikörper erkennen typische Oberflächenstrukturen (Antigene) an der Außenseite von Krebszellen. Auf diese Weise können Antikörper Giftstoffe oder Radioisotope (siehe: Radioimmuntherapie) gezielt an die bösartigen Zellen herantragen.

Einige Antikörper haben auch einen direkten zellschädigenden Effekt. Eine Antiköpertherapie ist aber nur möglich, wenn die entarteten Zellen auch das entsprechende Antigen auf ihrer Oberfläche besitzen. Trotz vielversprechender Behandlungsergebnisse ist auch die Antikörpertherapie nicht frei von Nebenwirkungen, diese sind aber im Vergleich zur Strahlen- und Chemotherapie deutlich geringer. Am häufigsten wurden allergische Reaktionen und Allgemeinsymptome wie Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit und Kopfschmerzen beobachtet.

4. Chemo- und Chemoimmuntherapie

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Eine Chemotherapie wirkt auf den ganzen Körper (systemisch) und vernichtet somit nicht nur die sichtbaren größeren Tumoren, sondern auch die vereinzelt im Organismus befindlichen Tumorzellen.

Die Chemotherapie bei den malignen Lymphomen besteht häufig aus verschiedenen Medikamenten, die entweder zellschädigend (zytotoxisch) oder wachstumshemmend wirken und als Zytostatika bezeichnet werden. Mit unterschiedlichen Wirkmechanismen hemmen sie die Entwicklung und Vermehrung von schnell wachsenden Zellen, wie sie typischerweise bei bösartigen Tumoren vorkommen. Ihr Effekt ist aber nicht so spezifisch, dass nicht auch Schädigungen im gesunden, schnell wachsenden Gewebe wie Knochenmark, Keimdrüsen, Mund- und Darmschleimhaut sowie Haarwurzeln vorkommen. Eine systemische Chemotherapie hat also auch immer die Schädigung von gesundem Gewebe zur Folge. Oft werden verschiedene Zytostatika miteinander kombiniert (sog. Polychemotherapie). Durch die Kombination von Zytostatika mit unterschiedlichem Wirkungsmechanismus kann ein besserer Effekt bei geringeren Nebenwirkungen erzielt werden.

Von einer Chemoimmuntherapie spricht man, wenn die Zytostatika in Kombination mit einem Antikörper (siehe auch "Antikörpertherapie") gegeben werden.

5. Hochdosistherapie mit Stammzelltransplantation

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Als Stammzellen werden jene Ursprungszellen im menschlichen Körper bezeichnet, die die Fähigkeit haben, sich in unterschiedliche Zellarten weiterzuentwickeln. Menschen haben rund zwanzig verschiedene Stammzellarten, darunter die Blutstammzellen. Diese befinden sich vor allem im Knochenmark, aber auch im Blutkreislauf. Blutstammzellen können sich selbst vermehren und durch Reifung in verschiedene Blutzellarten entwickeln – also auch in Lymphozyten (siehe dazu auch die Abbildung unten).

Blutbildung aus Stammzellen

Unterschieden wird zwischen einer autologen (Blut-)Stammzelltransplantation, bei der dem Patienten im Anschluss an eine Hochdosistherapie zuvor entnommene eigene Blutstammzellen zurückübertragen werden, und einer allogenen (Blut-) Stammzelltransplantation, bei der ein Patient nach einer Hochdosistherapie die Blutstammzellen eines geeigneten gesunden Fremd- oder Familienspenders erhält.

Das Alter und der körperliche Allgemeinzustand des Patienten sind wichtig für die Beurteilung, ob eine Stammzelltransplantation durchgeführt werden kann. Bei der Übertragung von autologen Blutstammzellen gilt 75 Jahre meist als obere Altersgrenze, bei der allogenen Transplantation sind es in der Regel 65 Jahre. Die Entscheidung für oder gegen eine Stammzelltransplantation muss jedoch für jeden Patienten ganz individuell getroffen werden und wird nicht nur vom Alter vorgegeben.

Ablauf der autologen Stammzelltransplantation

  1. Induktion (= Einleitung): Bei Patienten mit dem Rezidiv eines diffus großzelligen B-Zell-Lymphoms, für die eine autologe Transplantation sinnvoll erscheint, erfolgt zunächst die Behandlung mit zwei bis drei Zyklen einer intensiven Chemotherapie, z.B. mit DHAP (= Dexamethason, hochdosiertes Ara-C und Cisplatin) oder mit ICE (= Ifosfamid, Carboplatin, Etoposid). Durch diese Chemotherapie soll bereits ein Großteil der Tumorzellen zerstört werden. Da durch diese Behandlung aber auch viele gesunde weiße Blutzellen vernichtet werden, beginnt das blutbildende System des Patienten damit, vermehrt Stammzellen zu produzieren, aus denen neue weiße Blutzellen heranreifen können. Der überwiegende Teil dieser Stammzellen befindet sich im Knochenmark, einige Stammzellen zirkulieren jedoch auch im Blutkreislauf. Durch die Gabe von Wachstumsfaktoren (G-CSF) kann die Anzahl der Stammzellen im Blut erhöht werden.
  2. Stammzellapherese (= Sammlung von Blutstammzellen): Befinden sich im Blut genügend Stammzellen, wird der Patient an eine Apherese-Maschine angeschlossen. Sie filtert die Stammzellen aus dem Blut heraus und gibt alle nicht benötigten Blutzellen wieder in den Blutkreislauf zurück. Dieser drei- bis fünfstündige Vorgang kann ambulant durchgeführt werden. Er wird so oft wiederholt, bis genügend Stammzellen vorhanden sind. Die gewonnenen Stammzellen werden bis zur Übertragung in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius eingefroren.
  3. Konditionierung (= Hochdosis-Therapie): Nachdem genügend Stammzellen gewonnen wurden, erhält der Patient eine weitere, sogenannte „myeloablative“ (gr. myelo- = Mark; ablativ = abtragend) Chemotherapie. Dazu wird häufig das BEAM-Schema, bestehend aus BCNU, Etoposid, Ara-C und Melphalan angewendet. Die myeloablative Chemotherapie hat das Ziel, die restlichen Tumorzellen zu zerstören und ist so stark dosiert, dass auch das Knochenmark des Patienten zerstört wird. In manchen Fällen wird die Hochdosistherapie auch mit einer Ganzkörperbestrahlung kombiniert.
  4. Transplantation (= Übertragung der Blutstammzellen): Rund zwei Tage nach der Konditionierung werden dem Patienten die zuvor aufgetauten Blutstammzellen mittels einer Transfusion in die Vene zurückübertragen. Sie wandern eigenständig in das Knochenmark des Patienten. Dort beginnen sie nach ca. 10 Tagen sich wieder zu teilen und weiße und rote Blutkörperchen sowie Blutplättchen zu produzieren. Zwei bis drei Wochen nach einer solchen autologen Transplantation kann der Patient nach Hause entlassen werden.

Allogene Stammzelltransplantation

Bei der allogenen Stammzelltransplantation werden Blutstammzellen von einem verwandten oder nichtverwandten Spender übertragen. Voraussetzung ist allerdings, dass man einen geeigneten Spender findet, der in den wesentlichen Gewebemerkmalen mit denen des Patienten übereinstimmt. Zu diesem Zweck werden deutschlandweit, notfalls auch weltweit Knochenmarkspenderregister durchsucht.

Der Ablauf einer allogenen Transplantation erfolgt ähnlich dem einer autologen: Hierbei werden dem Spender die Stammzellen nach Stimulation mit dem Wachstumshormon G-CSF durch eine Apherese entnommen. Nur selten gewinnt man die Stammzellen aus dem Knochenmark des Beckenkamms (z.B. wenn der Spender die Stimulation mit G-CSF ablehnt). Die allogenen Stammzellen werden im Allgemeinen nicht eingefroren, sondern dem Patienten ungefähr zwei Tage nach Abschluss der Konditionierungstherapie übertragen. Dies erfordert eine gute Koordination zwischen dem Transplantationszentrum und dem Zentrum, das die Stammzellen entnimmt. Dies gilt insbesondere bei Fremdtransplantationen mit einem nicht-verwandten Spender, da Entnahme- und Transplantationszentrum mitunter tausende Kilometer voneinander entfernt sein können.

Der Empfänger wird zusätzlich zu einer myeloablativen Chemotherapie mit einer immunsuppressiven Therapie behandelt. Diese unterdrückt das eigene Immunsystem und verhindert, dass eventuell noch vorhandene Immunzellen des Patienten die Stammzellen des Spenders nach der Transplantation angreifen (HvGR = Host-versus-Graft-Reaktion). Andererseits muss nach Transplantation verhindert werden, dass das neu übertragene Immunsystem gegen die Zellen des Empfän-gers reagiert. Dies geschieht durch eine weitere immunsuppressive Therapie, die meistens 100 Tage nach der Transplantation beendet werden kann. Diese mögliche Komplikation wird auch als „Graft-versus-Host-Reaktion“ (= GvHR) oder „Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion“ bezeichnet.

Die bessere Wirksamkeit der allogenen Transplantation beruht vor allem auf dem immuntherapeutischen Effekt, den das neue, übertragene Immunsystem für den Patienten hat. Denn im Gegensatz zur Situation nach einer autologen Transplantation erkennt das übertragene Immunsystem die Lymphomzellen des Patienten als fremd und greift sie an. Diese Wirkung wird auch als „Graft-versus-Lymphom-Reaktion“ (= GvLR) bezeichnet und ist von der oben genannten Abstoßungsreaktion (= Graft-versus-Host-Reaktion, GvHR) nicht gänzlich zu trennen: Bemerkenswert ist, dass Patienten, die eine Graft-versus-Host-Reaktion erfahren, ein niedrigeres Risiko für einen weiteren Rückfall haben, als jene Patienten, die diese nicht bekommen. Insofern ist eine geringgradige, d.h. gut zu behandelnde, Graft-versus-Host-Reaktion durchaus erwünscht.

 

6. CAR-T-Zell-Therapie

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Eine neue Therapie für Patienten im Rückfall ist die sogenannte CAR-T-Zell-Therapie. Bei dieser Therapie werden dem Patienten sogenannte T-Zellen aus dem Blut entnommen. Diese Zellen werden an ein Herstellerlabor geschickt und gentechnisch so verändert, dass ein künstlicher Rezeptor eingebaut wird, der das bei Lymphomen häufige Antigen CD19 erkennt. Diese Zellen werden zur Vermehrung angeregt und dann dem Patienten mit Hilfe einer Infusion zurückgegeben. Durch den Kontakt der CAR-T-Zellen mit den Lymphomzellen werden die Lymphomzellen abgetötet. Diese Therapie ist bei erwachsenen Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem diffus großzelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL) und primär mediastinalem großzelligem B-Zell-Lymphom (PMBCL) nach zwei oder mehr systemischenTherapien zugelassen.

Was sind CAR-T-Zellen und was ist das Besondere an diesem Therapieprinzip?

Die CAR-T-Zell-Therapie ist eine Behandlungsmethode, die 2018 in Europa erstmals für die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit B-Zell-Lymphomen und B-Zell-Leukämien zugelassen wurde. Im Zentrum dieses Verfahrens stehen körpereigene Immunzellen – sogenannte T-Zellen. Diese werden aus dem Blut der erkrankten Person entnommen und anschließend in einem Speziallabor gentechnisch verändert. Die veränderten, nun als CAR-T-Zellen bezeichneten Immunzellen werden anschließend über die Vene in den Körper zurückgegeben. Sie sind in der Lage, bestimmte Krebszellen zu erkennen und abzutöten. Das Verfahren ist recht aufwendig, kann aber bei bestimmten Erkrankungen des lymphatischen Systems, die auf eine Chemo- oder Strahlentherapie nicht Ansprechen, komplette und dauerhafte Krankheitsrückbildungen (Remissionen) bewirken.

CAR-T-Zellen nutzen unser eigenes Immunsystem, um Leukämie- und Lymphomzellen anzugreifen

Lymphozyten sind weiße Blutzellen, die unser Körper produziert, um Infektionen und Erkrankungen, darunter auch Krebs, zu bekämpfen. Sie sind Teil unseres Immunsystems. Bei den Lymphozyten unterscheidet man zwischen T-Lymphozyten (T-Zellen) und B-Lymphozyten (B-Zellen). Sie haben in unserem Immunsystem unterschiedliche Aufgaben.

Normalerweise erkennt das Immunsystem, wenn sich eine Körperzelle fehlerhaft entwickelt. Diese wird dann aufgrund ihrer Oberflächenmerkmale (= Tumorantigene) von T-Zellen als verändert bzw. als »fremd« erkannt und von Zellen des Immunsystems zerstört. Wenn Menschen an einem Lymphom erkranken, bedeutet das, dass ihr Immunsystem die Lymphomzellen als » nicht-fremd« erkennt. Das hat auch damit zu tun, dass einige Krebszellen Wege entwickeln, sich zu tarnen. Zum Beispiel bilden Lymphomzellen auf ihren Oberflächen bestimmte Proteine, die dazu führen, dass T-Zellen diese nicht von körpereigenen Zellen unterscheiden können und daher nicht angreifen. Die Erkennung von »fremd« oder »nicht-fremd« erfolgt über Strukturen auf den von T-Zellen, den sogenannten T-Zell-Rezeptoren.

Bei der CAR-T-Zell-Therapie werden T-Zellen eines Patienten gesammelt und in einem Labor gentechnisch verändert. Im Wesentlichen werden den vorhandenen T-Zell-Rezeptoren Teile eines Antikörpers hinzugefügt. Dadurch werden die T-Zellen in die Lage versetzt, die zuvor nicht bemerkten Krebszellen anhand ihrer Oberflächenstruktur als »fremd« zu erkennen und abzutöten. Da dieser neue Rezeptor eine künstliche Mischung aus dem natürlichen T-Zell-Rezeptor und einem Antikörper ist, wird er nach den Mischwesen (= Chimären) der altgriechischen Götter- und Heldendichtung als »chimärer Antigenrezeptor« (abgekürzt = CAR) bezeichnet. Die gentechnisch veränderten T-Zellen werden in »CAR-T-Zellen« umbenannt.

Danach werden die CAR-T-Zellen im Labor vermehrt, bis ihre Anzahl hoch genug ist, das Lymphom zu behandeln. Schließlich werden sie dem Patienten wie bei einer Bluttransfusion über den zentralen Venenkatheter oder die Armvene zugeführt.

Aufbau einer CAR-T-Zelle

Bei der gentechnischen Herstellung von CAR-T-Zellen wird im Labor ein »chimärer Antigenrezeptor« (= CAR) an die entnommenen T-Zellen gebunden. Der CAR besteht aus mehreren Teilen, die oft auch als Domänen bezeichnet werden. Dazu gehören normalerweise:

  • Ein Antigenrezeptor, das ist jener Teil, der sich als Bindedomäne außerhalb der T-Zelle befindet und mit einem bestimmten Ziel auf den Krebszellen verbinden soll.
  • Mit der Transmembrandomäne wird die Bindedomäne samt Antikörperfragment auf der Oberfläche der T-Zellen verankert.
  • Wichtig für die therapeutische Aktivität sind die Signaldomänen. Sie liefern Stimulations- und Aktivierungssignale, die die CAR-T-Zellen darin unterstützen, sich zu vermehren und im Körper des Patienten zu überleben.

Sobald eine CAR-T-Zelle an eine Krebszelle bindet, sendet sie Signale (= Zytokine), die das Immunsystem dazu bringen, die Krebszelle zu zerstören. Es gibt verschiedene CAR-T-Zell-Produkte, die sich grundsätzlich darin unterscheiden, auf welche Zielstrukturen der Antigenrezeptor ausgerichtet ist. Bei Leukämien und Lymphomen stellt der Oberflächenmarker CD19 eine solche Zielstruktur dar. Es sind weitere CAR-T-Zell-Produkte in der Entwicklung, die auch an andere Oberflächenstrukturen binden können, zum Beispiel an das »B-cell maturation antigen« (BCMAL), das auf Zellen des Multiplen Myeloms vorkommt. Darüber hinaus unterscheiden sich die CAR-T-Zellen in den Signaldomänen. Beispielsweise sind neue CAR-T-Zellen in der Entwicklung, denen Teile hinzugefügt wurden, damit sie ausgeschaltet werden können, wenn sie Probleme im Körper verursachen.

Wer kann mit CAR-T-Zellen behandelt werden?

In Europa wurden mittlerweile mehrere kommerzielle Produkte der CAR-T-Zell-Therapie für erwachsene Patientinnen und Patienten mit B-Zell-Neoplasien zugelassen (Stand: 10/2024):

Tisagenlecleucel (Kymriah ©)

für Erkrankte mit

  • einem diffusen großzelligen B-Zell-Lymphom (DLBCL), die zwei oder mehr Vortherapien erhalten hatten, deren Lymphom jedoch nicht auf die Behandlung ansprach (= refraktär) oder deren Lymphom zurückkam (= rezidiviert).
  • Erkrankte mit einem follikulären B-Zell Lymphom (FL), die zwei oder mehr Vortherapien erhalten haben, deren Lymphom jedoch nicht auf die Behandlung ansprach (= refraktär) oder deren Lymphom zurückkam (= rezidiviert).
  • Kinder, Jugendliche und erwachsene Patientinnen und Patienten im Alter bis einschließlich 25 Jahren mit refraktärer oder rezidivierter (Rezidiv nach Transplantation oder zweites oder späteres Rezidiv) akuter lymphatischer B-Zell-Leukämie (ALL).

Axicabtagene Ciloleucel (Yescarta ©)

für Patientinnen und Patienten mit

  • diffus großzelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL) und hochmalignem B-Zell-Lymphom (HGBL), das innerhalb von 12 Monaten nach Abschluss einer Erstlinien-Chemoimmuntherapie rezidiviert oder gegenüber dieser refraktär ist.
  • rezidiviertem oder refraktärem DLBCL oder primär mediastinalem großzelligen B-Zell-Lymphom (PMBL) nach zwei oder mehr Vorbehandlungen.
  • rezidiviertem oder refraktärem follikulären Lymphom (FL) nach drei oder mehr systemischen Therapien.

Lisocabtagen maraleucel (Breyanzi ©)

für erwachsene Erkrankte

  • mit rezidiviertem oder refraktärem diffusen großzelligen B-Zell-Lymphom (DLBCL), primär mediastinalen großzelligen B-Zell-Lymphom (PMBCL) und follikulären Lymphom Grad 3B (FL3B) bei erwachsenen Patienten nach zwei oder mehr Linien einer systemischen Therapie.
  • mit diffus großzelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL), hochmalignem B-Zell-Lymphom (HGBCL), primär mediastinalem großzelligem B-Zell-Lymphom (PMBCL) und follikulärem Lymphom Grad 3B (FL3B), die innerhalb von 12 Monaten nach Abschluss der Erstlinien-Chemoimmuntherapie rezidivierten oder gegenüber dieser Therapie refraktär sind.

Brexucabtagen-Autoleucel (Tecartus ©)

für erwachsene Patientinnen und Patienten mit

  • rezidiviertem oder refraktärem Mantelzell-Lymphom (MCL) nach zwei oder mehr systemischen Therapien, die einen Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor (BTKi) einschließen.
  • akuter rezidivierter oder refraktärer B-Zell-Vorläufer lymphatischer Leukämie ab einem Alter von 26 Jahren.

Idecabtagen vicleucel (Abecma ©)

ist indiziert für die Behandlung des rezidivierten und refraktären multiplen Myeloms bei erwachsenen Patientinnen und Patienten, die mindestens drei vorausgegangene Therapien, einschließlich eines Immunmodulators, eines Proteasominhibitors und eines Anti-CD38-Antikörpers, erhalten und unter der letzten Therapie eine Krankheitsprogression gezeigt haben.

Ciltacabtagene autoleucel (Carvicty ©)

ist indiziert für die Behandlung des rezidivierten und refraktären multiplen Myeloms bei erwachsenen Patientinnen und Patienten, die mindestens eine vorausgegangene Therapie erhalten haben, darunter einen Immunmodulator und einen Proteasom-Inhibitor, und die während der letzten Therapie eine Krankheitsprogression zeigten und gegenüber Lenalidomid refraktär sind. Für diese und andere Lymphomerkrankungen werden weitere CAR-T-Zell-Produkte in klinischen Studien getestet.

 

Die CAR-T-Zell-Therapie ist eine Behandlungsart, die auch bei älteren Patientinnen und Patienten in der Regel sicher durchgeführt werden kann. Doch selbst wenn viele Erkrankte grundsätzlich für diese Behandlung geeignet sind, ist die Behandlung manchmal aus mehreren Gründen nicht möglich:

  • Möglicherweise können nicht genügend T-Zellen gesammelt werden, um CAR-T-Zellen herzustellen.
  • Das Labor kann die Herstellung möglicherweise nicht erfolgreich durchführen.
  • CAR-T-Zellen müssen für jeden Menschen individuell hergestellt werden, ein Prozess, der mehrere Wochen dauern kann. Es kann passieren, dass sich die Erkrankung zwischenzeitlich so verschlechtert, dass die Patientin oder der Patient möglicherweise nicht fit genug sind, um die Therapie zu erhalten.

Wie wird eine CAR-T-Zell-Therapie durchgeführt?

Schritt 1: Sammlung der Lymphozyten

Nach einer Reihe von Voruntersuchungen werden zu Beginn Lymphozyten aus dem Blut des Patienten entnommen. Dieser Sammelprozess wird »Leukapherese« genannt. Bei der Leukapherese wird das Blut mit einer dünnen Nadel aus dem Arm entnommen und über einen Schlauch in einen Zellseparator geleitet. Diese Maschine trennt die Lymphozyten (T-Zellen und weitere Lymphozyten) von anderen Blutbestandteilen und sammelt sie. Der Rest des Blutes wird über eine andere Leitung in den Blutkreislauf des Patienten zurückgeführt. Durch die Leukapherese werden nur die im Blut schwimmenden Lymphozyten gesammelt, andere Lymphozyten verbleiben im Körper.

Schritt 2: Herstellung der CAR-T-Zellen

Im Labor werden die T-Zellen dann gentechnisch bearbeitet und können sich vermehren, bis genügend Zellen vorhanden sind, um die Behandlung wirksam zu machen. Es wird eine hinreichend große Anzahl von CAR-T-Zellen benötigt, damit diese im Körper des Patienten überleben und die meisten oder alle Lymphomzellen zerstören können. Die Herstellung und Vermehrung der CAR-T-Zellen ist kompliziert und dauert etwa 14 Tage. Allerdings kann sich die Zeit zwischen der Zellsammlung und der Rückgabe der modifizierten Zellen auf bis zu 4-5 Wochen ausdehnen. Dies hängt wesentlich davon ab, wo die Zellen modifiziert werden und ob sie frisch verarbeitet oder vor und nach dem Produktionsprozess in flüssigem Stickstoff haltbar gemacht (= kryokonserviert) werden müssen.

Während der Phase des Herstellungsprozesses überwacht das Behandlungsteam den Zustand der Patienten und prüfen, ob diese fit genug sind, um die CAR-T-Zell-Behandlung zu durchlaufen. Wenn sich der Zustand eines Patienten durch die weiter fortschreitende Erkrankung verschlechtert, können für die Dauer der CAR-T-Zell-Herstellung andere Therapien angewendet werden, um das Lymphom unter Kontrolle zu halten. Dadurch kann sich die Anwendung der CAR-T-Zell-Therapie manchmal verzögern. In seltenen Fällen müssen auch andere Behandlungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden.

Schritt 3: Chemotherapie

Wenn die CAR-T-Zellen erfolgreich hergestellt wurden und die Patienten fit sind, erhalten sie zunächst über einige Tage eine vorbereitende Chemotherapie. Dadurch soll die Menge der weißen Blutzellen im Körper verringert und Platz geschaffen werden, damit sich die CAR-T-Zellen ungehindert vermehren können.

Schritt 4: Infusion der CAR-T-Zellen

Die CAR-T-Zellen werden über die Vene in den Blutkreislauf der Patienten gegeben. Dies kann entweder über die die Armvene oder über einen zentralen Venenkatheter erfolgen. Normalerweise erhalten Erkrankte nur eine CAR-T-Zell-Infusion. Diese sollte genügend Zellen enthalten, um das Lymphom wirksam zu behandeln. Vor, während und nach der Behandlung werden die Patientin bzw. des Patienten im Behandlungszentrum sorgfältig überwacht, damit Ärzte im Falle von Nebenwirkungen schnell reagieren können.

Wirksamkeit der Behandlung mit CAR-T-Zellen

Die CAR-T-Zell-Therapie ist eine neue Behandlungsmethode, daher ist noch wenig über ihre Langzeitwirkung bekannt oder darüber, wie lange das Lymphom auf die Behandlung anspricht. Erste Ergebnisse aus klinischen Studien sind sehr ermutigend, insbesondere für Menschen, die nach den Vorbehandlungen nur wenige andere Behandlungsmöglichkeiten haben.

Für die konkrete Nutzen-Risiko Abwägung in Ihrem persönlichen Fall fragen Sie bitte Ihre behandelnde Ärztin oder Ihren behandelnden Arzt nach wahrscheinlicher Wirkung und Nebenwirkung in Ihrer individuellen Situation.

Grundsätzlich haben die zugelassenen gegen CD19 gerichteten CAR-T-Zellprodukte bei aggressiven Lymphomen (DLBCL, PMBCL, HGBL und der akuten lymphatischen Leukämie) das Potential, die Erkrankung zu heilen (= kuratives Potential). Dies wurde durch die Auswertung der mittlerweile sehr langen Nachbeobachtungzeit der Zulassungsstudien von über 5 Jahren bewiesen. Für das follikuläre Lymphom sind die Patientinnen und Patienten noch nicht lange genug nachbeobachtet, hier kann man nur von sehr guten Ansprechraten sprechen, die bei einer Nachbeobachtung von etwas über 2 Jahren jedoch überwiegend haltbar zu sein scheinen.

Von den CAR T-Zellprodukten beim Multiplen Myelom, die sich gegen das Antigen BCMA richten, werden ebenfalls hohe Ansprechraten erreicht. Die Dauer des Ansprechens scheint unterschiedlich zu sein und eher besser für Ide-cel. Wichtiger ist jedoch die weitere Entwicklung dieser Produkte in früheren Therapielinien im Kontext der Standardtherapien. Das Feld entwickelt sich sehr schnell und Betroffene sollten unbedingt mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzte die ganz aktuellen Daten und Studienoptionen besprechen.

Sind CAR-T-Zellen in Deutschland verfügbar?

Die zuvor genannten CAR-T-Zell Produkte sind in Deutschland zugelassen und die Kosten der Behandlung werden von den Krankenkassen übernommen. CAR-T-Zell-Therapien können nur in spezialisierten Behandlungszentren sicher angewendet werden, die über besonders geschultes Personal verfügen. Daher könnte es sein, dass Sie für eine CAR-T-Zell-Therapie an ein anderes Behandlungszentrum überwiesen werden müssen. Derzeit behandeln die meisten deutschen Universitätskliniken und einige nicht-universitäre Krankenhäuser Patientinnen und Patienten mit CAR-T-Zell-Therapien.

Mögliche Nebenwirkungen

Alle Arzneimittel können als Nebenwirkungen unerwünschte Reaktionen hervorrufen – an dieser Stelle können nur die wichtigsten Nebenwirkungen dargestellt werden. Da die CART-Zell-Therapie eine relativ neue Art der Behandlung ist, werden weiterhin Informationen über mögliche Nebenwirkungen gesammelt – fragen Sie gegebenenfalls Ihr medizinisches Team nach aktuellen Informationen. Bevor Patientinnen und Patienten mit einer CAR-T-Zell-Therapie beginnen, sollten sie mit ihren Ärzten auch über mögliche Begleiterkrankungen sprechen und alle Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel erwähnen, die sie einnehmen.

CAR-T-Zellen können bei einigen Menschen schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen, so dass die Behandlung nur in Einrichtungen durchgeführt wird, die hinsichtlich ihrer Ausstattung und ihres Personals alle Voraussetzungen erfüllen, um auftretende  Nebenwirkungen gut behandeln zu können. Darüber hinaus erhalten Patientinnen und Patienten vor der Infusion der CAR-T-Zellen vorbeugende Medikamente (z.B. Paracetamol und Antihistaminika). Nach der CAR-T-Zell-Infusion werden die Patientinnen und Patienten, abhängig vom jeweiligen CAR-T-Zell-Produkt, 7 bis 14 Tage stationär im Behandlungszentrum überwacht. Auch nach ihrer Entlassung sollten sie selbst auf Symptome achten und ihr Behandlungsteam sofort benachrichtigen, wenn sich ihr Gesundheitszustand ändert.

Häufige Nebenwirkungen von CAR-T-Zellen, die bei mehr als einem von fünf Personen auftreten, sind:

Zytokinfreisetzungssyndrom (CRS) mit

  • Fieber und Schüttelfrost
  • Niedriger Blutdruck und niedriger Sauerstoffgehalt
  • Schnelle Herzfrequenz und Veränderungen des Herzrhythmus (Arrhythmie)
  • Starke Müdigkeit

ICANS (Immune effector cell-associated neurotoxicity syndrome),

  • Probleme mit dem Nervensystem einschließlich des Gehirns (Enzephalopathie), Kopfschmerzen, Zucken oder Zittern und Schwindel

Fieberhafte Neutropenie

  • Fieber, das mit dem Rückgang der Anzahl der weißer Blutkörperchen (neutrophilen Granulozyten) verbunden ist, die normalerweise Infektionen bekämpfen

Die schwerwiegendsten Nebenwirkungen werden im Folgenden ausführlicher beschrieben:

Zytokinfreisetzungssyndrom (CRS)

Eine der häufigsten und schwerwiegendsten Komplikationen der CAR-T-Zell-Therapie ist das »Cytokin-Release-Syndrome« (CRS, Zytokinsturm). Es kann auftreten, da die CAR-T-Zell-Behandlung eine massive Immunreaktion im Körper hervorruft. Dadurch setzen die von der Behandlung betroffenen weißen Blutzellen Substanzen im Blut frei, die als »Zytokine« bezeichnet werden. Zytokine sind Proteine, die anderen Zellen signalisieren, dass sie bei einer Immunantwort helfen sollen. Wenn viele Zytokine gleichzeitig freigesetzt werden, kann dies den Körper insgesamt überfordern.

Symptome eines CRS können Fieber, Schüttelfrost, niedrigen Sauerstoffgehalt im Blut, schnelle Herzfrequenz und niedrigen Blutdruck umfassen. In der Regel treten diese Symptome wenige Tage nach der CAR-T-Zell-Infusion auf, sie können sich aber auch bis zu 14 Tage danach zeigen. Etwa die Hälfte aller Behandelten durchläuft aufgrund des Wirkprinzips der CAR-T-Zell-Therapie ein gewisses Maß an CRS. Die meisten Fälle sind mild und leicht zu behandeln. Es können auch schwere, lebensbedrohliche Reaktionen auftreten – man spricht dann auch von einem Zytokinsturm. Patientinnen und Patienten mit schwerem CRS müssen möglicherweise zur Behandlung der Nebenwirkungen auf eine Überwachungsstation gebracht werden. Dort erhalten sie gegebenenfalls Sauerstoff und Flüssigkeitund bei Bedarf weitere Medikamente zur Kontrolle des CRS.

Weitere Immunreaktionen

Weil die CAR-T-Zell-Therapie das Immunsystem beeinflusst, haben die Behandelten ein erhöhtes Infektionsrisiko, einschließlich schwerer Infektionen. Ursache dafür sind unter anderem die Verringerung der weißen Blutzellen (speziell der B-Lymphomzyten) und damit einhergehende niedrige Antikörperspiegel. Antikörper sind Proteine, die von B-Zellen produziert werden, um Infektionen zu bekämpfen. Wenn sie nur in geriner Anzahl vorhanden sind, kann es für den Körper schwieriger sein, Infektionen abzuwehren. Vorbeugend werden daher möglicherweise Medikamente verabreicht, die eine Infektion verhindern oder diese abwehren (zum Beispiel Antibiotika). Wenn die Antikörperspiegel sehr niedrig sind, kann gegebenenfalls auch eine Immunglobulin-Ersatztherapie (Infusion von Antikörpern) vorgenommen werden. Weiterhin wird das medizinische Team im Vorfeld prüfen, ob erfolgte Impfungen weiterhin wirksam sind oder ob eine Impfung, abhängig von den persönlichen Gegebenheiten, sinnvoll ist.

Probleme im Bereich des Nervensystems

Probleme im Bereich des Nervensystems treten bei den meisten der mit CAR-T-Zellen behandelten Patientinnen und Patienten wenige Tage nach der Behandlung regelhaft auf – sehr selten können sich diese Beschwerden aber auch bis zu acht Wochen nach der CAR-T-Zell-Gabe zeigen. Die Beeinträchtigungen des Nervensystems sind in der Regel leicht und bessern sich über ein paar Wochen wieder. Am häufigsten treten Probleme mit der Funktionsweise des Gehirns auf und Patienten leiden unter Kopfschmerzen, Zittern, Schwindel, Verwirrtheit, Schlafstörungen und Sprachproblemen. Auch lebensbedrohliche Schwellungen des Gehirns können auftreten. Um diese Probleme des Nervensystems zu behandeln, können Steroide verabreicht werden. Das Behandlungsteam kennt diese Symptome und wird die  Patienten engmaschig überwachen. Gegen BCMA gerichtete CAR-T-Zell-Produkte haben bisher deutlich weniger akute Beeinträchtigungen des Nervensystems gezeigt.

7. Bispezfische Antikörper

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Lymphome entstehen, wenn sich Lymphozyten unkontrolliert vermehren. Klinisch unterscheiden wir zwischen langsam wachsenden (indolenten) Lymphomen, wie dem follikulären Lymphom, und rasch wachsenden (aggressiven) Lymphomen, mit dem diffusen großzelligen B-Zell-Lymphom (DLBCL) als häufigstem Vertreter. Beide Formen können mit bispezifischen Antikörpern behandelt werden. Darüber hinaus finden bispezifische Antikörper auch bei anderen Krebserkrankungen Anwendung, wie dem Multiplen Myelom.

Dieser Text informiert Sie über bispezifische Antikörper, eine neuartige Form der Immuntherapie, die in den letzten Jahren die Behandlungsmöglichkeiten für viele Patientinnen und Patienten mit Lymphdrüsenkrebs erheblich erweitert hat. Im Mittelpunkt stehen folgende Fragen: Was sind bispezifische Antikörper und wie wirken sie? Wer kann damit behandelt werden? Wie läuft die Behandlung ab? Und welche Nebenwirkungen sind möglich?

 

Was sind bispezifische Antikörper?

Das Grundprinzip

Antikörper sind Eiweiße, die unser Immunsystem bildet, um fremde Substanzen, Krankheitserreger (Bakterien, Viren, etc.) oder kranke Zellen zu erkennen und zu bekämpfen. Für die Krebstherapie werden seit Jahrzehnten künstlich hergestellte Antikörper eingesetzt, die gezielt an Krebszellen andocken. Sie binden jeweils an eine einzige Zielstruktur und markieren so die Tumorzelle. Diese kann dann durch das Immunsystem zerstört werden.

Bispezifische Antikörper gehen noch einen Schritt weiter: Sie verfügen über zwei unterschiedliche „Arme“. Einer bindet gezielt an eine Struktur auf der Krebszelle. Der andere Arm bindet an eine körpereigene Abwehrzelle, die sogenannte T-Zelle. Dadurch werden beide Zellen direkt miteinander verbunden. Gleichzeitig aktiviert der Antikörper die T-Zelle, sodass sie die Krebszelle gezielt angreifen kann. Bispezifische Antikörper wirken daher wie eine „molekulare Brücke“ zwischen Tumorzelle und Immunzelle. Sobald die T-Zelle durch den bispezifischen Antikörper in die unmittelbare Nähe der Tumorzelle gebracht und aktiviert wird, erkennt sie diese als Feind und tötet sie ab, selbst wenn die Krebszellen sich normalerweise vor dem Immunsystem verborgen hätten.

Zielstrukturen: CD20, BCMA und andere

Die zur Behandlung von Lymphomen zugelassenen bispezifischen Antikörper binden mit einem Arm an das Oberflächenprotein CD20, das auf nahezu allen B-Lymphozyten und damit auch auf den meisten Lymphomzellen vorkommt. Mit dem anderen Arm binden sie an die CD3-Struktur auf T-Zellen. Dadurch bringen sie T-Zellen und Lymphomzellen in direkten Kontakt und aktivieren die T-Zellen, sodass diese die Tumorzellen gezielt angreifen und zerstören können. Diese CD20 × CD3-Antikörper werden damit zum gezielten Werkzeug gegen B-Zell-Lymphome. Für das Multiple Myelom, eine Krebserkrankung der Plasmazellen, die eng mit den B-Zellen verwandt sind, stehen ebenfalls bispezifische Antikörper zur Verfügung. Diese richten sich gegen die Zielstrukturen BCMA oder GPRC5D auf den Myelomzellen.

Was unterscheidet bispezifische Antikörper von anderen Immuntherapien?

Vergleich der Immuntherapien

  • Monoklonale Antikörper (z. B. Rituximab, Obinutuzumab): 

    Diese Antikörper erkennen bestimmte Merkmale auf Lymphomzellen und heften sich gezielt an sie an. Dadurch wird das körpereigene unspezifische Immunsystem aktiviert: Zum einen greift das sogenannte Komplementsystem die mit dem Antikörper markierten Krebszellen an, zum anderen werden natürliche Killerzellen (NK-Zellen) gezielt zu den Tumorzellen geführt und zerstören diese.

  • Bispezifische Antikörper (z.B. Mosunetuzumab, Epcoritamab): 

    Sie bringen körpereigene T-Killerzellen, also spezialisierte Zellen des erworbenen Immunsystems, direkt mit der Krebszelle in Kontakt. Dafür besitzen sie zwei unterschiedliche „Arme“: Einer bindet an die Krebszelle, der andere an die T-Zelle. So wird die Immunzelle gezielt zur Tumorzelle geführt und aktiviert, um diese anzugreifen. Im Gegensatz zu manchen anderen Immuntherapien müssen bispezifische Antikörper nicht individuell für jede Patientin oder jeden Patienten hergestellt werden. Sie sind daher als fertiges Medikament verfügbar und können direkt eingesetzt werden.

  • CAR-T-Zellen: 

    Den Erkrankten werden eigene T-Zellen aus dem Blut entnommen und im Labor gentechnisch verändert, damit sie Krebszellen gezielt erkennen und bekämpfen können. Diese Therapie ist oft sehr wirksam, die Herstellung ist jedoch aufwendig und dauert individuell etwa 3–5 Wochen. Weitere Informationen finden Sie in der CAR-T-Zell-Broschüre des Kompetenznetz maligne Lymphome (KML). 

Wer wird mit bispezifischen Antikörpern behandelt?

In Europa sind derzeit (Stand: Juni 2026) folgende bispezifischen Antikörper für Lymphomerkrankungen zugelassen. Alle Präparate sind in Deutschland verfügbar und die Kosten werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen.

Bispezifische Antikörper bei B-Zell-Lymphomen

  • Epcoritamab (Tepkinly®): 

    Zugelassen für Erwachsene mit DLBCL und anderen großzelligen B-Zell-Lymphomen sowie follikulärem Lymphom (FL) nach zwei oder mehr Vorbehandlungen. Besonderheit: Subkutane Injektion (= unter die Haut) statt Infusion. Fortlaufende Behandlung, solange das Lymphom anspricht.

  • Glofitamab (Columvi®): 

    Zugelassen für Erwachsene mit rezidiviertem oder refraktärem diffusem großzelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL) und verwandten aggressiven Lymphomen nach zwei oder mehr Vorbehandlungen. Intravenöse Gabe mit Vorgabe von Obinutuzumab zur CRS-Prävention. Therapiedauer: 12 Zyklen.

  • Mosunetuzumab (Lunsumio®):

    Zugelassen für Erwachsene mit rezidiviertem oder refraktärem follikulärem Lymphom (FL) nach zwei oder mehr Vorbehandlungen. Intravenöse Gabe (Infusion). Therapiedauer: 8 Zyklen (kann bei Bedarf auf bis zu 17 Zyklen verlängert werden).

  • Odronextamab (Ordspono®):

    Zugelassen für Erwachsene mit DLBCL und follikulärem Lymphom nach zwei oder mehr Vorbehandlungen. Intravenöse Gabe. Fortlaufende Behandlung, solange das Lymphom anspricht.

Bispezifische Antikörper beim Multiplen Myelom

  • Elranatamab (Elrexfio®):

    Zugelassen für Erwachsene mit rezidiviertem oder refraktärem Multiplem Myelom nach mindestens drei Vorbehandlungen (einschließlich eines Proteasominhibitors, eines Immunmodulators und eines Anti-CD38-Antikörpers). Subkutane Injektion. Zielantige: BCMA × CD3. Kontinuierliche Behandlung; Dosisintervall-Reduktion auf 4-wöchentlich ab Woche 52 bei anhaltendem Ansprechen möglich.

  • Linvoseltamab (Lynozyfic™):

    Zugelassen für Erwachsene mit rezidiviertem oder refraktärem Multiplem Myelom nach mindestens vier Vorbehandlungen (einschließlich eines Proteasominhibitors, eines Immunmodulators und eines Anti-CD38-Antikörpers). Besonderheit: Intravenöse Gabe (Infusion) — einziger IV-applizierter Bispezifischer in dieser Substanzklasse. Zielantige: BCMA × CD3. Dosisreduktion auf monatliche Gabe möglich ab Monat 6 bei sehr gutem Ansprechen.

  • Talquetamab (Talvey®):

    Zugelassen für Erwachsene mit rezidiviertem oder refraktärem Multiplem Myelom nach mindestens drei Vorbehandlungen (einschließlich eines Proteasominhibitors, eines Immunmodulators und eines Anti-CD38-Antikörpers). Subkutane Injektion. Besonderheit: Einziger zugelassener bispezifischer Antikörper mit den Zielantigenen GPRC5D × CD3 — unabhängig von BCMA-Vortherapien einsetzbar. Klassentypische Nebenwirkungen: Hautreaktionen, Nagelveränderungen und Geschmacksstörungen durch GPRC5D-Expression an Haut und Geschmacksknospen.

  • Teclistamab (Tecvayli®):

    Zugelassen für Erwachsene mit rezidiviertem oder refraktärem Multiplem Myelom nach mindestens drei Vorbehandlungen (einschließlich eines Proteasominhibitors, eines Immunmodulators und eines Anti-CD38-Antikörpers). Subkutane Injektion. Zielantigene: BCMA × CD3. Kontinuierliche Behandlung bis zur Progression. Schrittweise Aufdosierung mit anfangs stationärem Aufenthalt, um unerwünschte Nebenwir kungen (z.B. Zytokinfreisetzungssyndrom) zu kontrollieren.

Wie läuft die Behandlung ab?

Schritt 1: Vorbereitung und Dosierungsanlauf (Step-up-Dosing)

Bevor die eigentliche Therapie beginnt, werden verschiedene Voruntersuchungen durchgeführt, zum Beispiel eine Blutuntersuchung, bildgebende Diagnostik und ggf. eine Knochenmarkpunktion. Außerdem werden Patientinnen und Patienten über mögliche Risiken aufgeklärt und erhalten Informationen über das Vorgehen bei Nebenwirkungen. 

Ein wichtiges Merkmal aller zugelassenen bispezifischen Antikörper ist das sogenannte Step-up-Dosing: Um das Risiko starker unerwünschter Immunreaktionen (siehe Abschnitt Nebenwirkungen) zu verringern, wird die Behandlung immer mit einer niedrigen Dosis begonnen, die dann schrittweise über die ersten Tage und Wochen gesteigert wird. In dieser Anlaufphase sind meist ein oder zwei kurze stationäre Aufenthalte oder eine engmaschige ambulante Überwachung von einigen Stunden notwendig.

Schritt 2: Reguläre Behandlungszyklen

Nach der Eindosierung erhalten Betroffene die Therapie in regelmäßigen Abständen, häufig wöchentlich zu Beginn, später alle zwei bis drei Wochen. Je nach Präparat sind die Infusionen oder Injektionen ambulant oder stationär möglich. Mosunetuzumab und Glofitamab haben eine festgelegte Therapiedauer (8 bzw. 12 Zyklen). Nach erfolgreicher Behandlung ist keine weitere Gabe nötig. Epcoritamab und Odronextamab werden fortlaufend gegeben.

Schritt 3: Überwachung und Nachsorge

Vor und nach jeder Gabe erfolgen Blutkontrollen. Auch nach Ende der Behandlung sind regelmäßige Verlaufsuntersuchungen wichtig, um frühzeitig zu erkennen, ob die Erkrankung zurückkehrt oder ob sich Spätfolgen entwickeln.

Wirksamkeit der Behandlung mit bispezifischen Antikörpern

Die bispezifischen Antikörper haben in klinischen Studien gute Ergebnisse erzielt, auch bei Patientinnen und Patienten, für die nach mehrfacher Vorbehandlung kaum noch andere Optionen verfügbar waren.

Beim follikulären Lymphom (FL) sprechen bis zu 80 Prozent der Betroffenen auf die Behandlung an, und etwa 70–75 Prozent erreichen eine vollständige Remission, was bedeutet, dass keine Tumorzellen mehr nachgewiesen werden können. Ein erheblicher Anteil der Behandelten bleibt langfristig beschwerdefrei.

Beim aggressiven Lymphom (DLBCL) liegt die Gesamt Ansprechrate bei etwa 40–55 Prozent. Bei einem Teil der Behandelten bleibt die Remission dauerhaft bestehen. Neben der alleinigen Gabe des bispezifischen Antikörpers werden in manchen Situation auch andere Medikamente dazugegeben, um die Ansprechraten weiter zu verbessern. Eine vollumfängliche Darstellung aller Optionen ist hier nicht möglich und sollte mit dem Behandlungsteam besprochen werden.

Auch wenn viele Patientinnen und Patienten grundsätzlich für eine Behandlung mit bispezifischen Antikörpern geeignet sind, sollten im Gespräch mit behandelnden Ärztinnen 10 und Ärzten zunächst die zu erwartenden Chancen und Risiken besprochen werden. Erst danach sollte entschieden werden, ob diese Therapie für die konkrete Situation die beste Option ist. Denn ob und wie gut die Behandlung bei einzelnen Betroffenen anschlägt, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem vom Typ und Stadium des Lymphoms so wie von früheren Behandlungen.

Mögliche Nebenwirkungen

Wie alle Krebsmedikamente können auch bispezifische Antikörper Nebenwirkungen verursachen. Da sie unmittelbar das Immunsystem aktivieren, unterscheiden sich diese Nebenwirkungen zum Teil von denen anderer Krebstherapien. Die Behandlung mit bispezifischen Antikörpern erfolgt ausschließlich in spezialisierten Zentren, die auf die Behandlung dieser Nebenwirkungen vorbereitet sind. Außerdem erhalten Sie vor jeder Gabe vorbeugende Medikamente (z.B. fiebersenkende Mittel und Antihistaminika).

Zytokinfreisetzungssyndrom (CRS)

Das Zytokinfreisetzungssyndrom (CRS) ist die häufigste und am besten bekannte Nebenwirkung bispezifischer Antikörper. Es entsteht, weil die aktivierten T-Zellen große Mengen von Botenstoffen (Zytokine) freisetzen, die das Immunsystem im ganzen Körper in einen Alarmzustand versetzen.

Typische Symptome eines CRS sind:

  • Fieber und Schüttelfrost (oft das erste Zeichen)
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • Niedriger Blutdruck und beschleunigter Herzschlag
  • Verringerter Sauerstoffgehalt im Blut

Das CRS tritt meist in der Anlaufphase der Behandlung auf, innerhalb der ersten zwei Tage nach einer Gabe. Die meisten Fälle sind leicht und klingen von selbst oder nach einfacher Behandlung (z.B. fiebersenkende Mittel, Flüssigkeit) wieder ab. Schwere Verlaufsformen (Zytokinsturm) sind selten, können aber intensivmedizinische Behandlung erfordern. Aus diesem Grund ist eine engmaschige Überwachung besonders in der Anfangsphase so wichtig.

Infektionen

Bispezifische Antikörper beeinflussen das Immunsystem und können dabei auch gesunde B-Zellen miterfassen. Dies führt zu einem Mangel an körpereigenen Antikörpern (Immunglobuline) und erhöht das Infektionsrisiko, besonders für Infektionen der Atemwege sowie Virusinfektionen.

Um das Infektionsrisiko zu verringern, erhalten viele Patientinnen und Patienten vorbeugend antivirale und antibiotische Medikamente sowie ggf. Immunglobulin-Infusionen. Außerdem empfiehlt das Behandlungsteam gegebenenfalls Schutzimpfungen vor Therapiebeginn.

Zeichen einer Infektion, wie Fieber, Husten oder allgemeines Krankheitsgefühl, sollten dem Behandlungsteam sofort gemeldet werden.

Beim Multiplen Myelom ist das Infektionsrisiko unter bispezifischen Antikörpern besonders hoch. Das liegt daran, dass sowohl die Myelomerkrankung selbst als auch die Therapie die körpereigene Antikörperproduktion (Immunglobuline) stark verringert. Viele Behandelte benötigen daher regelmäßige Infusionen mit Immunglobulinen (IVIG) sowie vor beugend Antibiotika und antivirale Medikamente. Das Behandlungsteam wird Patient:innen ausführlich darüber informieren und den Impfstatus überprüfen.

Neurologische Nebenwirkungen (ICANS)

Selten können bispezifische Antikörper das Nervensystem beeinflussen. Dieses als ICANS (Immune Effector Cell-Associated Neurotoxicity Syndrome) bezeichnete Syndrom äußert sich in Symptomen wie Verwirrtheit, Kopfschmerzen, Zittern, Sprachproblemen oder Schläfrigkeit. Diese Beschwerden treten typischerweise in den ersten Wochen auf und sind in den meisten Fällen vorübergehend. Das Behandlungsteam ist auf diese Komplikation vorbereitet.

Veränderungen des Blutbilds (Zytopenien)

Häufig kommt es unter der Therapie zu einem vorübergehenden Rückgang von weißen Blutkörperchen (Neutropenie), roten Blutkörperchen (Anämie) und Blutplättchen (Thrombozytopenie). Diese Veränderungen werden regelmäßig durch Blutkontrollen überwacht.

Nach der Behandlung: Worauf sollten Sie achten?

Nach jeder Gabe und besonders nach Entlassung aus dem Behandlungszentrum sollten Sie aufmerksam auf Ihren Gesundheitszustand achten. Wenden Sie sich sofort an Ihr Behandlungsteam, wenn Sie folgende Symptome bemerken:

  • Fieber (auch ohne offensichtlichen Grund)
  • Neues Zittern, Verwirrtheit oder Sprachprobleme
  • Kurzatmigkeit oder starke Müdigkeit
  • Zeichen einer Infektion (Husten, Harnwegsinfekt o.ä.)
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Therapiebegleitung

Eine zuverlässige Diagnose und die beste, wenn möglich, heilsame Therapie sind für Krebspatienten von zentraler Bedeutung. Zunehmend wird aber auch der Lebensqualität der Patienten und ihrer Angehöriger Beachtung geschenkt.

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Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen können für viele Patienten Orientierung im oft schwer zu durchschauenden Therapiegeschehen bieten. Sie ermöglichen den Austausch mit Menschen, die mit vergleichbaren Belastungen umgehen müssen.

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